Aktuelles
Ja zu Demokratie, Nein zu Erpressung
Die Entscheidung der UNESCO ist eine Beeinträchtigung
zweier schwer erkämpfter Güter: Der Demokratie in
Sachsen und der Selbstbestimmung der Stadt Dresden.
Die UNESCO hat in vollem Wissen um die Dresdner
Brückenbaupläne das Elbtal als sich entwickelnde Fluß-
und Kulturlandschaft zum Weltkulturerbe erklärt. Die
angedrohte Rücknahme dieser Entscheidung ist ein Problem
für die Glaubwürdigkeit der UNESCO, nicht für die
Glaubwürdigkeit der Stadt Dresden. Die UNESCO muss sich
nicht nur fragen lassen, warum Sie ihre Meinung geändert
hat. Sie verstößt auch gegen einen ihrer eigenen
Grundsätze. Dieser besagt, dass sich die UNESCO im
Einvernehmen mit den jeweiligen Bevölkerungen dem Schutz
des Weltkulturerbes widme. Die Missachtung eines
Volksentscheides steht dazu in krassem Widerspruch. Die
drohende Aberkennung des Titels wäre somit keine
„Blamage für ganz Deutschland“ (Dieter Offenhäußer)
sondern eine Blamage und ein Autoritätsverlust für die
UNESCO. |
Im Jahre 1945 lag Dresden in Trümmern. Als die
Leichenberge verbrannt und die elementarsten
Lebensfunktionen wieder hergestellt waren, begannen die
Jahre von Hunger und Entbehrung. Diese Jahre waren in
Dresden zugleich Jahre eines unbeugsamen Aufbauwillens von
Hunderttausenden Dresdnern. In den leistungsfähigsten
Jahrgängen dezimiert, ohne ausreichende Baustoffe und meist
in einem erbitterten Kampf mit den Vorstellungen des
Machtzentrums in Berlin hat diese Stadt ihre Wiedergeburt
zu alter Schönheit erreicht und mit dem spendenfinanzierten
Neubau der Frauenkirche gekrönt. Diese Leistung ist
herausragend in Europa und der Welt. Die Bürger Dresdens
sind die letzten, die von irgendeiner Weltregierung
Nachhilfeunterricht in ästhetischen Fragen nötig hätten.
Das beweist ohne jeden weiteren Kommentar das Bild unserer
Stadt.
Dieses Stadtbild ist in der stetigen Abwägung zwischen
Schönheit und Nutzen entstanden. Kaum ein prägnantes
Bauwerk erhielt Platz und Gestalt ohne vorherigen Streit
gerade um diese Frage. Der Erlweinspeicher etwa
durchschneidet keine Sichtachsen. Er löscht sie aus. Aber
wir haben dennoch mit Leidenschaft seine Restauration
verfolgt und bei seiner Wiedereröffnung als Hotel standen
Einigen die Tränen in den Augen. Ähnlich ließe sich über
viele Dresdner Bauvorhaben reden. In der Regel konnten die
Entscheidungen der Stadt – so umstritten sie auch einmal
waren – vor der Geschichte bestehen, wenn sie ohne äußere
Einmischung entstanden sind. Höchst zweifelhaft jedoch ist,
ob wir Bauwerke wie den Erlweinspeicher oder das Blaue
Wunder heute hätten, wenn es vor rund hundert Jahren schon
eine UNESCO gegeben hätte.
Angesichts ihrer riesigen, oft schlecht gelösten Aufgaben
im Kampf gegen den Zerfall von unwiederbringlichen
Zeugnissen der menschlichen Kultur hätte man von der UNESCO
erwarten können, daß sie sich in Dresden berät, wie es
gelingen kann, derartige restauratorische und
städtebaulichen Leistungen zu vollbringen. Stattdessen
lässt sich die UNESCO im politischen Streit der Dresdner
Stadtbevölkerung instrumentalisieren. Die Stadt Dresden
darf sich diesem Angriff auf die Demokratie nicht beugen.
Wenn die Beschlusslage der UNESCO Bestand haben sollte,
stünde im Falle des Brückenbaus der Entzug des
Weltkulturerbetitels zu erwarten. Wir fordern daher die
Stadt Dresden auf, in diesem Fall den Titel unter Protest
zurückzugeben. Dies nicht nur aus den geschilderten
prinzipiellen Gründen. Es wird argumentiert, dass ohne den
Weltkulturerbestatus die Touristenströme nach Dresden
empfindlich zurückgingen. Doch diesem widersprechen
Aussagen aus der Tourismusbranche selbst. Zudem ist das
Argument einseitig. Zum ersten dominieren die touristische
Attraktivität der Stadt Dresden deren Events und deren
Kulturgüter stärker als irgend ein Gütesiegel. Zum zweiten
ist keineswegs klar, ob zu uns ohne Weltkulturerbetitel,
aber mit einer effektiven und touristenfreundlichen
Infrastruktur – wozu die Brücke gehört – wirklich weniger
Touristen kommen als mit Weltkulturerbetitel aber mit einer
ineffektiven und stressverursachenden
Verkehrsinfrastruktur. Weit wichtiger ist aber die folgende
Überlegung: Fügt sich Dresden dem Diktat der UNESCO an
dieser Stelle, so wäre ein Präzedenzfall auch für spätere
Fälle geschaffen. Das Ringen zwischen einer
entwicklungswilligen Stadt und einer
entwicklungsfeindlichen UNESCO würde sich nicht auf das
Brückenprojekt beschränken, sondern von nun an permanent
als zusätzlicher äußerer Faktor die Stadtentwicklung hemmen
und komplizieren. Die Stadt Dresden verlöre so einen Teil
ihrer Freiheit, und damit auch ihrer Triebkräfte für den
touristischen Erfolg.
Es bleibt somit nur der sofortige Baubeginn. Die
rechtlichen Rahmenbedingungen dafür sind eindeutig:
- Eine Entscheidung des Volkes (im Wissen um die
Weltkulturerbebewerbung der Stadt) liegt vor
- In gleicher Angelegenheit darf erst nach drei Jahren
wieder durch
Volksentscheid entschieden werden.
- Eine Zweidrittelmehrheit des Stadtrates, die einen
erneuten
Volksentscheid in Gang setzen könnte, ist nicht zu erwarten.
- Versuche, durch juristische Formulierungstricks eine
andere
Entscheidungssituation vorzutäuschen sind eine Irreführung des
Wählers.
- Erneute Umplanungsversuche sind Selbsttäuschungen. Sie
ersparen
uns die Grundentscheidung nicht.
Eingedenk dessen, daß ein Verzicht auf den Bau der
Brücke
- angesichts der langfristigen Finanzentwicklung der
öffentlichen
Haushalte ein endgültiger Verzicht wäre und eine Tunnel aus
Kostengründen erst recht ausscheidet
- nach der bevorstehenden Funktionseinschränkung des Blauen
Wunders 12 Kilometer innerstädtische Flußlauf ohne leistungsfähige
Brücke entstünde, der dauerhaft eine hufeisenförmige
Verkehrsstruktur mit einer anhaltenden, schweren ökologischen
Mehrbelastung durch Doppelwege im flußparrallelen Verkehr Wege
hinterließe
- eine Entwertung der verdichteten östlich-zentralen
linkselbischen
Wohnlagen durch Trennung von den nördlich-zentralen Regionen mit
der höchsten Arbeitsplatzdichte 1mit sich brächte und die
Siedlungsentwicklung Dresdens verzerren würde („Speckgürtel“
Nord und Grundstückswertverfall Zentrum Ost)
- ein Präzedenzfall für Grenzen der Demokratie in ganz
Deutschland
wäre und die Praxis, bei drohenden politischen Niederlagen
brüderliche Hilfe von außen zu holen, nie wieder in unserem Land
aufgehen darf erwarten wir von der Stadt, alle Erpressungsversuche
abzuwehren und den sofortigen Baubeginn. Vom amtierenden
Stadtoberhaupt wünschen wir uns in dieser Angelegenheit
Führungsstärke.
Sollte sich die Stadt Dresden dem Volksentscheid
widersetzen, werden wir die bereits angekündigte Absicht
der Bürgerinitiative „pro Waldschlösschenbrücke“
unterstützen, das Recht auf dem Klageweg einzufordern.
Andreas Lämmel, Arnold Vaatz |