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„Titel nicht mit Verzicht auf Brücke erkaufen“
Interview Prof. Dr. Kurt Biedenkopf in der Freien Presse
vom 21. Juli 2006
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Weltkulturerbe Elbtal: Alt-Ministerpräsident Biedenkopf
rät zum Bau – Unesco hat fehlerhaft entschieden
Dresden. In einer scheinbar verfahrenen Situation ist sein
Rat besonders gefragt. Sachsens Alt-Ministerpräsident Kurt
Biedenkopf empfiehlt Dresden, am Bau der
Waldschlösschenbrücke festzuhalten. Es wäre falsch, auf die
Brücke zu verzichten, um damit den Titel Weltkulturerbe zu
erkaufen. Er wirft der Unesco, die das Dresdner Elbtal auf
die Liste der gefährdeten Welterbestätten gesetzt hat,
gravierende Verfahrensfehler vor. Mit Biedenkopf sprach
Hubert Kemper.
Freie Presse: Brücke oder Weltkulturerbe – was ist denn
wichtiger für Dresden?
Biedenkopf: Der Beschluss der Unesco von 2004 ging von der
Vereinbarkeit von Elbtal als Weltkulturerbe und der
geplanten Brücke aus. Sie war ausdrücklich Bestandteil des
Antrages der Stadt. Die drei Gutachter von Icomos haben
sich damit befasst. Auch der klare Bürgerentscheid von 2005
bestätigt die Vereinbarkeit der Brücke mit dem Elbtal.
Freie Presse: Das ist aber Vergangenheit. Wie sollte sich
Dresden jetzt verhalten?
Biedenkopf: Die Stadt hat mit ihrem 2002 beschlossenen
Antrag zum Ausdruck gebracht, dass sie den Titel
Weltkulturerbe nur dann anstrebt, wenn er mit dem Bau der
Waldschlösschenbrücke vereinbar ist. Die jetzige
Entscheidung der Unesco wiederspricht dieser Entscheidung
von 2004. Sie stützt sich zudem ausschließlich auf den
Gesichtspunkt der Visualisierung. Sie lässt damit alle
anderen für eine derartige Entscheidung bedeutsamen
Gesichtspunkte unberücksichtigt, wie Verkehr oder
Entwicklung der Stadt. Das widerspricht den Richtlinien,
die sich die Unesco selbst gegeben hat. Die Entscheidung
ist deshalb fehlerhaft. Darauf müssen Stadt und Land die
Unesco hinweisen.
Freie Presse: Wäre ein neuer Bürgerentscheid, der den neuen
Fakten Rechnung trägt, der beste Weg?
Biedenkopf: Die Bürger haben 2005 auch über die Frage der
Vereinbarkeit entschieden. Sie ausdrücklich danach zu
fragen, bestand nach der Entscheidung der Unesco von 2004
kein Anlass. Deshalb gibt es auch keinen Grund, sie erneut
zu fragen., schon gar nicht aufgrund einer fehlerhaften
Entscheidung in Vilnius.
Freie Presse: Sie plädieren für einen Baubeginn trotz
möglichen Imageschadens?
Biedenkopf: Ich plädiere für den Versuch einer Klärung der
Frage mit der Unesco und dafür, das Bauvorhaben
fortzuführen. Die Stadt braucht die Brücke für ihre
Entwicklung. Auch das haben die Bürger entschieden. Ob der
Weltkulturerbe-Titel verloren gehen muss, bleibt zu klären.
Ihn mit dem Verzicht auf die Brücke zu erkaufen, halte ich
für falsch. Wir können uns am Dresdner Elbtal auch ohne den
Unesco-Titel erfreuen. Und die Stadt kann sich so
entwickeln, wie die Bürger es wollten.
Auch der Entscheidung, das Dresdner Elbtal zum
UNESCO-Weltkulturerbe zu erklären, ging ein umfangreicher
fachmännischer Bewertungsprozess voraus, der historische
Substanz und Wirkung von Kulturdenkmälern auch mit
künftigen städtischen Entwicklungsperspektiven sorgfältig
abgewogen hat. Der UNESCO war der geplante Brückenbau an
diesem Standort bekannt, bevor sie dem Dresdner Elbtal den
Weltkulturerbe-Status zuerkannte. Insofern ist die jetzt
getroffene Entscheidung nicht nachvollziehbar.
Der Dresdner Stadtrat sollte jetzt den dokumentierten
Willen der Mehrheit der Dresdner Bürger verantwortungsvoll
umsetzen. Parallel dazu ist es notwendig, die
Argumentationskette der Dresdner Entscheidung „Pro
Waldschlösschenbrücke“ nachvollziehbarer und schlüssiger zu
präsentieren, um so der UNESCO die Möglichkeit zu bieten,
ihre Entscheidung zu überprüfen. |