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"Wir haben entschieden, wir sind das Volk. Punkt."
Interview mit Prof. Kurt
Biedenkopf, sächsischer Ministerpräsident a.D,
erschienen in den Dresdner Neueste Nachrichten am
06.07.2006 |
Kommende Woche befindet das
Unesco-Weltkulturerbe-Komitee in Vilnius darüber, ob die
geplante Waldschlößchenbrücke mit dem Status Weltkulturerbe
für das Dresdner Elbtal vereinbar ist. DNN sprach im
Vorfeld der Entscheidung mit Prof. Kurt Biedenkopf,
sächsischer Ministerpräsident a.D., der als Mitglied der
Dresdner Delegation in dieser Sache mit Icomos und Unesco
verhandelt hat.
Der Direktor des UNESCO-Welterbezentrums hatte jedoch - von
Eingaben verunsichert - um zusätzliches Material zu Brücke
sowie darum gebeten, vor der Befassung der
UNESCO-Versammlung Mitte Juli 2006 in Vilnius mit der
Brücke keine vollendeten Tatsachen zu schaffen. Der Respekt
vor der UNESCO gebietet es, den von ihr erbetenen Zeitraum
zu gewähren. An dem Bürgerentscheid und seiner
Rechtsverbindlichkeit ändert das freilich nichts!
Herr Professor Biedenkopf, sehen Sie eine Tendenz, wie
es in Vilnius für Dresden ausgehen könnte?
Das ist schwer zu sagen, aber eine gewisse Tendenz gibt es
schon, nachdem das neue Gutachten vorliegt. Ich sehe
durchaus die Möglichkeit, dass man in Vilnius sagt, wir
haben Bedenken, und deshalb kommt das Dresdner
Weltkulturerbe auf eine Liste mit besonderer
Aufmerksamkeit, also die so genannte rote Liste. Daraus
würden sich bestimmte Konsequenzen ergeben, dass man das
besonders beobachten muss, aber es ergeben sich keine
rechtlichen Konsequenzen daraus. Eine Streichung der
Eintragung in die Liste steht nicht zur Debatte. Das ist,
soweit ich unterrichtet bin, ja auch noch nie passiert.
Welche Entscheidungsmöglichkeiten hätte denn Dresden,
wenn die Rote Liste käme?
Was man zuerst feststellen muss: die Dresdner haben bereits
entschieden. Und was mich ein bisschen irritiert, ist die
dem ganzen jetzigen Verfahren zugrunde liegende Annahme,
dass die Dresdner nicht in der Lage sind, aus eigener
Verantwortung eine Güterabwägung vorzunehmen zwischen der
Schönheit der Elbwiesen und der Notwendigkeit der
Waldschlößchenbrücke. Da erhebt jetzt eine Institution, die
Dresden gar nicht kennt, den Anspruch, das besser zu
können. Auch in Vilnius muss eine Güterabwägung vorgenommen
werden, aber dort wird die Abwägung ausschließlich unter
dem Gesichtspunkt vorgenommen, das schöne Bild der
Elbwiesen wird erheblich beeinflusst durch die Brücke, ja
oder nein. Das ist die einzige Abwägung. Das ist aber nicht
ausreichend. Es gibt andere Gesichtspunkte, die die Stadt
eingebracht hat, wie die Verkehrssituation, die Entlastung
der Altstadt, die Weiterentwicklung der Stadt. Das alles
spielt in dem neuen Gutachten keine Rolle. Wenn jetzt
gesagt wird, ihr müsst aufpassen, gut, dann ist das ein
ordentlicher Hinweis, aber das hat man die ganze Zeit
getan. Und es gibt eine verbindliche Entscheidung der
Bevölkerung, und diese bindet die Stadtregierung.
Aber könnte man nicht doch Alternativen prüfen, um aus
der Konfrontation mit der Unesco heraus zu kommen?
Es sind doch alle Alternativen geprüft worden. Auch die
Tunnelversion. Ich wäre dezidiert gegen einen Tunnel. Durch
den können weder Radfahrer fahren, noch Menschen gehen, das
ist dann eine reine Verkehrsröhre. Die Brücke dagegen
erlaubt Radfahren und wird einen besonders schönen Ausblick
auf die Wiesen in beide Richtungen und auf die Stadt
bieten.
Gegner der Brücke argumentieren mit neuen Zahlen,
nachdem der Verkehr über die Dresdner Brücken in den
letzten Jahren stark zurückgegangen sei, die
Waldschlößchenbrücke also gar nicht mehr gebraucht würde.
Ich traue keinen Untersuchungen mehr, ohne ihre Grundlagen
und ihre Entstehung zu kennen. Außerdem hat die Mehrheit in
einem geordneten Verfahren entschieden.
Mehrheitsentscheidungen sind friedensstiftende
Entscheidungen, der Streit wird vorher geführt.
Mit der Auseinandersetzung mit der Unesco ist aber die
Brücke nicht mehr nur ein Dresdner Thema. Mit einer
möglichen Aufnahme Dresdens auf die Rote Liste wird sogar
ein Imageschaden für Deutschland prophezeit.
Man kann über langjährige Vorbereitungen einer Stadt und
einen Bürgerentscheid nicht einfach mit dem Argument
hinweggehen, das könnte das Image Deutschlands gefährden.
Das ist für mich allenfalls ein emotionales, aber kein
belastbares Argument. Zudem muss sich die Unesco fragen
lassen, was sie veranlasst hat, den Titel erst zu gewähren,
obwohl der Brückenbau im Antrag erwähnt war und geprüft
wurde, und jetzt mit der roten Liste zu drohen. Das ist
eher ein Imageproblem der Unesco. Auch sie bewegt sich
nicht im rechtsfreien Raum. Immerhin geht es um den Bestand
eines Bürgerentscheids. Das kann man nicht als Imagefrage
diskutieren. Es gibt Entscheidungen, die gut sind für das
Image, und manche, die weniger gut, aber gut begründet und
notwendig sind. Deshalb werden auch sie getroffen - und
häufig später für gut gehalten.
Es gab schon Stimmen, dass an die Unesco
Regressforderungen wegen der bereits entstandenen Kosten
gestellt werden sollen, könnte die Brücke nicht gebaut
werden.
Die Stadt kann den Bau nur aufhalten, wenn der
Bürgerentscheid aufgehoben wird. Erst wenn eine so weit
gehende Entscheidung durch die Stadt getroffen werden
sollte, könnte man nach einem Schadensersatz fragen.
Man war überrascht, dass Sie sich so stark engagieren in
der Sache. Weshalb tun sie das?
Ich engagiere mich auch deshalb, weil ich die nach dem
Bürgerentscheid in Gang gesetzte Diskussion eigentlich mit
dem demokratischen Grundgedanken eines Bürgerentscheids für
unvereinbar halte. Normal ist, dass die Minderheit, die
unterliegt, die Entscheidung der Mehrheit akzeptiert. Das
sollte für alle, auch für Professor Blobel gelten, dessen
Engagement für Dresden durchaus eindrucksvoll ist. Ich bin
der Meinung, die Bürger von Dresden können über das
Schicksal ihrer Stadt am besten selbst entscheiden.
Herr Baubürgermeister Feßenmayr hat von Lobbyarbeit
gesprochen, für die auch Sie gewonnen wurden. Was kann man
darunter verstehen?
Ich bin nie als Lobbyist gefragt worden, sondern als
jemand, der bereit ist, die Stadt in dieser wichtigen Frage
zu unterstützen. Zudem hat mich das Verfahren sehr
interessiert. Was die Nachvollziehbarkeit dieses Verfahrens
angeht, bin ich inzwischen sehr skeptisch. Da ist sehr
wenig Transparenz. Und letztlich wird in Vilnius in zehn
Minuten über Schicksalsfragen Dresdens von Menschen
entschieden werden, die nie in Dresden waren.
Haben Sie mit Mitgliedern des Welterbekomitees sprechen
können im Vorfeld der Entscheidung?
Nein, ich habe es auch nicht versucht.
Hielten Sie denn den Verlust des Titels für
verschmerzbar?
Zu dieser Frage kann ich mich erst äußern, wenn sie sich
stellt. Über mögliche Folgen sollte man nicht spekulieren,
wenn man noch nicht weiß, welche Folgen eintreten werden.
Es gilt der Bürgerentscheid. Es sei denn, er wird mit einer
Zweidrittel-Mehrheit des Parlaments aufgehoben. Das muss
der Stadtrat entscheiden, und dann ist die Verantwortung
wieder dort, wo sie hingehört.
Aber wir könnten auch sagen, wir in Dresden, wir haben
entschieden, wir sind das Volk, Punkt. Und auch mit Roter
Liste werden die Touristen nicht ausbleiben. Ich habe noch
keinen Touristen gesehen, der nur wegen der Elbwiesen nach
Dresden gekommen wäre.
Glauben Sie, dass die Brücke noch gebaut wird?
Das ist keine Glaubensfrage. Ich hoffe, dass sie gebaut
wird. Ich halte diese Brücke für unverzichtbar, und ich
teile damit die Meinung der Bürgermehrheit, die entschieden
hat.
Interview: Heidrun Hannusch |