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"Der Respekt vor der UNESCO gebietet es, den von ihr
erbetenen Zeitraum zu gewähren. An dem Bürgerentscheid und
seiner Rechtsverbindlichkeit ändert das freilich nichts!"
Interview mit Dr. Hans-Joachim
Brauns, Sprecher der Bürgerinitiative Pro
Waldschlößchenbrücke |
Herr Dr. Brauns, vor einem Jahr fand der
Bürgerentscheid statt, am 22.3.2006 sollte es losgehen,
gebaut wird aber im März noch nicht?
Nein, nach dem Bürgerentscheid am 27.02.2005 hat die
Stadtverwaltung das Verfahren zum Bau des Verkehrszuges
Waldschlößchenbrücke wieder aufgenommen, was ihr von der
neuen Mehrheit im Stadtrat untersagt worden war. Das
Verfahren zur Vergabe der Bauleistungen ist kompliziert;
die Bauleistungen mussten europaweit ausgeschrieben werden,
die Bewerber brauchen Zeit, ihre Angebote zu erstellen, und
schließlich müssen die Angebote in eine Vorlage der
Verwaltung gegossen werden mit einem Vorschlag an den
Stadtrat, wem die Baueistungen übertragen werden sollen.
Die Vergabe der Bauleistungen hätte zu Beginn dieses Jahres
erfolgen sollen. Begonnen worden wäre übrigens mit dem Bau
des noch nicht sanierten Teiles des Käthe-Kollwitz-Ufers im
Bereich des Altstädter Brückenkopfes der
Waldschlößchenbrücke.
Der Direktor des UNESCO-Welterbezentrums hatte jedoch - von
Eingaben verunsichert - um zusätzliches Material zu Brücke
sowie darum gebeten, vor der Befassung der
UNESCO-Versammlung Mitte Juli 2006 in Vilnius mit der
Brücke keine vollendeten Tatsachen zu schaffen. Der Respekt
vor der UNESCO gebietet es, den von ihr erbetenen Zeitraum
zu gewähren. An dem Bürgerentscheid und seiner
Rechtsverbindlichkeit ändert das freilich nichts!
Wer hat denn die UNESCO so verunsichert und worum geht
es denn diesen Leuten wirklich?
Einigen wenigen Brückengegner ist offensichtlich der Wille
der großen Mehrheit der Bürger egal und sie suchen
weiterhin nach Wegen, den Bürgerentscheid zu Fall zu
bringen. Sie haben es geschafft, den Direktor des
UNESCO-Welterbezentrums zu verunsichern. Sie versuchen, die
UNESCO für ihre Zwecke zu benutzen und das heißt, die
Umsetzung des Bürgerentscheids zu verhindern.
Aber die Dresdner haben doch entschieden? Nimmt die
Demokratie Schaden?
Die Demokratie nimmt zweifelsohne Schaden, wenn der klare
Wille der Bürger nicht umgesetzt wird. Was soll denn
anstelle des Bürgerentscheides gelten? Der Wille der
UNESCO? Der Wille weniger (welcher?) oder vielleicht nur
eines Einzigen, der selbst bestimmt, was richtig und
falsch, gut und böse ist? Das wäre Diktatur! Man muss es
einmal aussprechen: Was derzeit geschieht, ist ein Verrat
an der friedlichen Revolution 1989/90.
Demokratie heißt diskutieren und den anderen zu überzeugen
versuchen - und dann abstimmen. Das Ergebnis der Abstimmung
muss gelten! Dies und nur dies kann die Grundlage zum
Handeln sein. Ohne den Respekt vor dem Abstimmungsergebnis
ist Demokratie nicht lebensfähig! Wer eine
Mehrheitsentscheidung nicht respektiert, stellt sich über
den anderen, hält diejenigen, die anderer Auffassung sind,
für dumm, fremd gesteuert und was sonst noch alles. Das ist
im Übrigen auch Arroganz pur.
Interessant ist auch, dass sich die Brückengegner zumeist
aus den politischen Gruppen rekrutieren, die den
Bürgerwillen - vermeintlich - ganz hoch hängen und auch die
erforderliche Zahl von Unterschriften für ein
Bürgerbegehren senken wollen. Oder wollten? Da hört man
nichts mehr.
Setzt sich der Oberbürgermeister über das Ergebnis des
Bürgerentscheides hinweg, wenn der Bau jetzt nicht beginnt?
Wir haben nicht nur einen eindeutigen Bürgerentscheid zu
dem Verkehrszug Waldschlößchenbrücke, sondern auch einen
sofort vollziehbaren Planfeststellungsbeschluss; alle
Verfahren auf Erlass einer einstweiligen Anordnung gegen
den Sofortvollzug sind abgewiesen worden. Die Finanzmittel
stehen abrufbereit zur Verfügung. Die Stadtverwaltung mit
dem Oberbürgermeister an der Spitze ist damit politisch und
rechtlich verpflichtet, den Verkehrszug
Waldschlößchenbrücke zu bauen. Wir haben keine Veranlassung
zu glauben, dass die Stadtverwaltung ihren Pflichten nicht
nachkommen wird.
Dabei ist es ein normaler Vorgang, wenn die Stadtverwaltung
auf die von den Brückengegnern künstlich verunsicherte
UNESCO Rücksicht nimmt, die von der UNESCO erbetenen
Unterlagen liefert und - nicht zuletzt durch persönlichen
Kontakt - bemüht ist, die Verunsicherung zu beseitigen. Der
Respekt vor der UNESCO lässt ein Zuwarten mit der Vergabe
bis zu deren Sitzung in Vilnius als vertretbar erscheinen.
Vor dem Bürgerentscheid sagten Sie, dass die Brücke von
der UNESCO geprüft sei?
So ist es auch! Die Waldschlößchenbrücke ist integraler
Bestandteil des Aufnahmeantrags Dresdens zum Welterbe.
Hierauf hat der damalige Stadtrat besonderen Wert gelegt.
Alle drei von der UNESCO beauftragten Gutachter - es war
nicht nur einer - waren unmittelbar vor Ort und zwar zu
Lande und zu Wasser. Sie kannten und kennen den Standort
der Brücke sowie die Art und den Umfang der Brücke genau.
Die Gutachter hatten nicht nur die Aufgabe, Fakten für die
UNESCO-Versammlung darzustellen, sondern auch zu bewerten.
Keiner der Gutachter hat ein Problem mit der
Waldschlößchenbrücke gesehen. Die unmittelbare Ortskenntnis
der Gutachter ist deshalb wichtig, weil die fehlerhafte
Ortsbeschreibung im ICOMOS-Gutachten damit keinen Einfluss
auf die Bewertung hat.
Die Gegner sagen, die Unterlagen seien nicht
vollständig?
Das ist Unsinn. Worum geht es denn? Die Stadt hat den
Antrag auf Aufnahme des Elbtals und der Elbhänge zwischen
Übigau und Pillnitz in das Welterbe als „Sich entwickelnde
Kulturlandschaft“ gestellt. Dabei handelt es sich um eine
recht neue Kategorie, bei der die Veränderung und
Gestaltung der Landschaft durch den Menschen gerade ein
wesentliches Kriterium ist! Die kulturelle Entwicklung des
Elbtals und der Elbhänge durch die Existenz und Entwicklung
Dresdens über die Jahrhunderte hinweg und in die Zukunft
hinein ist das Welterbe. Brücken sind schon immer das
Kernelement der Verbindung einer beidseits des Flusses
gelegenen Stadt gewesen. Die Waldschlößchenbrücke ist
deshalb die natürliche und in der Kontinuität der
Stadtentwicklung stehende Verbindung der vergleichsweise
neuen Stadteile Dresdens rund um die Fetscher- und die
Waldschlößchenstraße. Beide Straßen sind aufeinander
bezogen angelegt worden. Hierzu genügt ein Blick auf den
Stadtplan Dresdens. In den Welterbeantragsunterlagen steht
unmissverständlich, dass an dieser Stelle eine Brücke
gebaut wird, welchen Umfang sie hat und wie sie aussehen
wird. Hieran hat sich seither nichts geändert.
Welche Unterlagen sollen denn an die UNESCO noch
geliefert werden?
Im Wesentlichen wird dem Vernehmen nach im Auftrag der
UNESCO - und bezahlt von der Stadt - eine computeranimierte
Visualisierung der Brücke in der Landschaft sowie eine
Stellungnahme erstellt, in der die lange Geschichte der
Waldschlößchenbrücke und ihre Bedeutung für die Entwicklung
der Stadt dargestellt wird. Auch auf den Bürgerentscheid
und seine Bedeutung wird hingewiesen werden. Die Gegner
haben übrigens offensichtlich „vergessen“, dem Direktor des
UNESCO-Welterbezentrums von dem Bürgerentscheid zu
berichten, als sie ihn für ihre Zwecke einspannten. Von dem
Bürgerentscheid erfuhr der Direktor erst bei dem Besuch des
Oberbürgermeisters bei ihm.
Wenn die gewünschten Unterlagen geliefert wurden, wie geht
es dann weiter?
Die UNESCO wird die Unterlagen zur Kenntnis nehmen und in
Vilnius beraten. Zwischenzeitlich wird das Gespräch
zwischen dem Direktor des UNESCO-Welterbezentrums und dem
Oberbürgermeister dem Vernehmen nach fortgesetzt werden.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch führte Steffen Kaden. |