UNESCO
Waldschlößchenbrücke: Wer möchte diesen Erdenball ...
Sie erinnern sich: Die 30. Sitzung des Welterbekomitees
im Juni 2006 in Vilnius schloss mit dem Verdikt: Baustopp
und Alternativenprüfung, sonst Streichung von der
Welterbeliste. Die DNN jubelte: „Dresden sieht rot“ und
behauptete, die Diskussion habe gezeigt, „dass die
Komiteemitglieder sehr wohl genau Bescheid wussten“.
Wirklich? Die Niederschrift ist jetzt im Internet:
http://whc.unesco.org/archive/2006/whc06-30com-inf19.pdf.
Und wer die Unterlagen kennt, muss unausweichlich
schließen: Die Entscheidung wurde offensichtlich durch den
Vorsitz mit Hilfe bewusster Falschdarstellungen des
Welterbezentrums und von ICOMOS durchgepeitscht, obwohl
viele Delegationen Unbehagen und manche auch offene
Bedenken äußerten. Die intensive, vor keinen Verdrehungen
bis hin zu Lügen zurückscheuende Lobbyarbeit der
Brückengegner hatte Früchte getragen.
So viel Falschheit auf internationaler Bühne
erwartet ein rechtschaffener Bürger zunächst nicht. Doch er
besinne sich auf Wilhelm Busch: „Wer möchte diesen
Erdenball noch fürderhin betreten, wenn wir Bewohner
überall die Wahrheit sagen täten“.
Die Rolle von Welterbezentrum und ICOMOS: keine Rolle mit
Charakter! Ein einseitiges Gutachten, in Teilen widerlegt
von sieben Dresdner Professoren, und viel Lobbydruck
genügten. Die auf der 15. Generalversammlung der
Vertragsstaaten der Welterbekonvention beschlossenen
verbindlichen Prinzipien zur Bewahrung historischer
Stadtlandschaften („Wiener Memorandum“) spielten weder nach
dem Buchstaben, noch nach dem Geist irgendeine Rolle.
Drei Beispiele für Falschdarstellungen in Vilnius:
• Die Vorlage: „Obwohl das Projekt zur Zeit der
ICOMOS-Auswertung schon existierte, stellte die Bewerbung
fest ‚Im Gebiet sind keine Verkehrsadern geplant, aber es
gibt die Möglichkeit von neuen Brücken’“. Richtig ist
folgender Text: „Aus den Darstellungen der Verkehrsflächen
geht hervor, dass keine das Orts- und Landschaftsbild
beeinträchtigenden Hauptverkehrsstraßen im Elberaum geplant
sind. Neben den bestehenden Brücken sind Optionen für fünf
neue Brücken dargestellt, wobei eine Entscheidung zur
endgültigen Zahl und deren Standort bis auf die Waldschlößchenbrücke noch nicht gefallen ist“
• In der Beratung behauptete ICOMOS, dass die Brücke den
Rechtsrahmen der Europäischen Union hinsichtlich Lärmschutz
und Luftverschmutzung nicht beachten würde – ein schwerer
Vorwurf an den Rechtsstaat Deutschland, natürlich ohne
jeglichen Beweis. Richtig ist, dass die Planfeststellung
selbstverständlich auf dem Boden geltenden Rechts erfolgte
und Klagen dagegen bisher erfolglos waren.
• In der Beratung führte ICOMOS aus, dass die Brücke seit
dem 19. Jahrhundert diskutiert wurde, aber immer wegen des
Einflusses auf das Elbtal fallen gelassen worden sei. Zur
fraglichen Zeit hätten keine Gestalt angenommenen Pläne
existiert. Gleich zweimal falsch. Richtig ist: Die Brücke
ist immer aus wirtschaftlichen Gründen nicht zur Ausführung
gekommen. Selbstverständlich lagen zur Nominierung
detaillierte Pläne vor.
Ein besonderer Leckerbissen ist die Gastrolle der deutschen
Beobachterdelegation (Leitung: Rolf-Dieter Schnelle,
Ministerialdirigent im Auswärtigen Amt, und mit der
bekannten engagierten Brückengegnerin Frau Dr. Ringbeck).
Kernaussage: Man habe keine Meinung, weil Abstimmungen noch
nicht erfolgen konnten. Zurückweisung von Falschaussagen?
Erinnerung an die von der 15. Generalversammlung
angenommenen Prinzipien? Klarstellung, dass die Seriosität
des Komitees für Deutschland vom Bestand früherer
Entscheidungen bei unveränderter Sachlage abhängig ist?
Fehlanzeige. Hätte sich die deutsche Beobachterdelegation
klar für die Brücke ausgesprochen, der Beschluss hätte ganz
sicher anders ausgesehen.
Herr Schnelle, ein weitgereister, sprachgewandter und
erfahrener Diplomat, so hilflos und unfähig, wie er in
Vilnius wirkte, ist er bei Weitem nicht. Der Auftritt wurde
ganz bewusst „vergeigt“.
Warum? Das Auswärtige Amt war lange genug erst Grün. Jetzt
ist es Rot dominiert. Das hinterlässt natürlich Spuren. Und
was hält die Partei des Chefs, die SPD, denn vom Projekt?
Spekulation? Anders aber ist das Verhalten der deutschen
Delegation kaum zu erklären.
Ein Vorsitz mit schon vorgefasster Meinung, Gutachter, die
vorgegebene Grundprinzipien völlig beiseite ließen und sich
nicht vor Falschdarstellungen scheuten, eine Verteidigung,
die zwar „gemischte Gefühle“, sonst aber nur Hilflosigkeit
zu bieten hatte – da wendet sich der Gast mit Grausen. Doch
bei erfreulicherer Lektüre atmet er wieder auf: „Das
Grundgesetz strebt zwar eine weitgehende
Völkerrechtsfreundlichkeit und grenzüberschreitende
Zusammenarbeit in einer sich entwickelnden Gemeinschaft
demokratischer Staaten an. Es will jedoch keine
Unterwerfung unter fremde Hoheitsakte, die jeder
verfassungsrechtlichen Begrenzung und Kontrolle entzogen
sind“. Das Bundesverfassungsgericht 2004, zitiert im Urteil
des Oberlandesgerichts vom März.
Jeder in Verantwortung, gerade auch beim Bund, muss wissen:
Ein Canossagang bei Dresden wäre für ganz Deutschland mehr
als schädlich. Konflikte mit dem Welterbe muss es nicht nur
in Dresden geben, und wer will sich später noch mit Erfolg
wehren, wenn man sich heute einem solchem Verfahren beugt?
Nein, Diplomatie im Umgang, doch Festigkeit im Standpunkt
sind hier auch auf Bundesebene unabdingbar.
Übrigens: Am 18. April, nach einem unanfechtbaren Beschluss
des Oberverwaltungsgerichts pro Brückenbau, unterschreiben
drei linke Fraktionschefs und Juristen einen Antrag, der
dies wiederum aushebeln will. Darunter – von der SPD – ein
Richter, der Recht sprechen soll im Namen des Volkes. Zwei
Tage später: Wirtschaftsminister Jurk (SPD) im Fernsehen:
Er habe einen Amtseid geschworen, Sachsen nicht zu schaden.
Deshalb, leider, keine Fördermittel für die Brücke.
Rechtswidrig oder nicht, man hat Stunk gemacht und steht
auch in der Zeitung. Da fällt einem nur noch unser Dresdner
Dichter Erich Kästner ein: „Die Zeit wird kommen, da man
sich erzählt: mit diesen Leuten war kein Staat zu machen“.
Stadtrat Dr. Georg Böhme-Korn
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